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Elisabeth Herrmann im Gespräch mit kultur-base.de
Geschrieben von: Daniel Raifura   
Montag, den 09. Mai 2011 um 07:00 Uhr

Vor Kurzem ist ihr neuer Roman "Zeugin der Toten" erschienen und auf dem besten Wege ein Riesen Erfolg zu werden. Wir haben Autorin Elisabeth Herrmann zum Interview getroffen.

 

kultur-base.de: Frau Herrmann, Ihr Roman „Zeugin der Toten“ entführt uns in die Tiefen der jungen deutschen Geschichte. Wie dürfen wir uns Ihre Recherchearbeiten zu diesem Roman vorstellen?

Elisabeth Herrmann: Sie waren relativ aufwändig. Natürlich gräbt man erst einmal nach allem, was zum Thema Stasi-BND-CIA und Kalter Krieg zu finden ist. Dazu kommt der aktuelle Stand der Debatten um Regelüberprüfung, Datenschutz und Vorratsdatenspeicherung. Technische Details der verschiedenen Überwachungsmethoden, von Mitte der achtziger Jahre bis heute, die Arbeitsweise der Geheimdienste bis zum Aktenstudium von Semesterarbeiten der Archivare in der Stasi-Hochschule Postdam. Das ist die Theorie. Die Praxis der Recherche ist das Finden von Personen, die auf einem der Gebiete, über die man schreibt, Experten sind. Tatortreiniger, Ex-BND-Agenten, Mitarbeiter der damaligen Birthler-Behörde. Mit ihnen redet man – nicht nur ein Mal, sondern immer, wenn Fragen auftauchen. Und dann kommt der schöne Teil der Recherche: Hinfahren zu den Orten, über die man schreibt. In meinem Fall waren das Sassnitz und Malmö. Mit all diesen Informationen im Gepäck geht man zurück an den Schreibtisch und fängt an ..

kultur-base.de: Warum haben Sie sich gerade für dieses Thema- ehemalige DDR- und Rosenholz- Dateien entschieden?

Elisabeth Herrmann: Fakt ist, dass die Liste der DDR-Spione, die für die Stasi in der damaligen Bundesrepublik gearbeitet haben, bis heute nicht vollständig ist. Zum Beispiel fehlt die ganze Registratur La-Li. Da frage ich mich schon, wohin sie verschwunden ist. Vor allem aber, warum ... mich fasziniert zudem die jüngere deutsche Geschichte. Es gibt so viel darüber herauszufinden und zu erzählen. Was würden uns die Krimiautoren anderer Länder darum beneiden! Letztlich steckt aber ein sehr ernster Grund dahinter: Ich habe meine eigene Stasi-Akte lesen müssen und bitter erfahren, wie ich ab Mitte der achtziger Jahre bespitzelt wurde. Das ist nicht schön. Vielen Menschen ist zudem noch wesentlich Schlimmeres widerfahren. Das berührt mich bis heute.

kultur-base.de: Ihre Hauptperson Judith ist Cleanerin. Wie sind Sie bitte darauf gekommen? Und in wie weit haben Sie sich mit diesem Beruf vertraut gemacht?

Elisabeth Herrmann: Jeden Tag ... grins ... wischen, putzen, säubern kennen wir ja alle. Als Journalistin bin ich aber öfter an Tatorten gewesen. Und irgendwann habe ich mich gefragt, wer die Spuren eines Mordes eigentlich beseitigt. Die Polizei ist es jedenfalls nicht. So kam ich auf die Cleaner. In Berlin gibt es die Fa. Heistermann, die so etwas macht. Es war hochinteressant zu hören, was Herr Heistermann zu diesem Thema erzählen kann! Es ist z.T. so schrecklich, dass ich bewusst sehr zurückhaltende Schilderungen verwendet habe. Dennoch gibt es Leser, die das abschreckt. Aber wer Becketts „Verwesung“ gelesen hat, gegen den ist Judiths Job ein Ponyhof :))

kultur-base.de: Mittlerweile sind Ihre Romane aus den Buchläden nicht mehr wegzudenken. Was ist das für ein Gefühl zu den Top-Autorinnen in Deutschland zu gehören?

Elisabeth Herrmann: Bin ich das? Ich glaube nicht. Sonst würden meine Bücher in den Buchhandlungen dort liegen, wo sich die Massenware stapelt. Ich versuche, beim Schreiben mehr zu geben als Mittelmaß. Deshalb bin ich wahrscheinlich zu „hoch“ für Fast-Food-Leser und zu simpel für den verwöhnten Feuilleton-Gourmet. Ich hänge irgendwo dazwischen. Aber ich fühle mich da ganz wohl. Ich kann mittlerweile vom Schreiben leben. Wenn man sich überlegt, dass eine ganze, riesige Branche – Verleger, Lektoren, Drucker, Grafiker, Händler, Verkäufer – von Büchern lebt, aber kaum ein Autor das schafft, bin ich sehr zufrieden. Generall muss sich an diesem Ungleichgewicht etwas ändern.

kultur-base.de: Ihr Roman „Das Kindermädchen“ wurde mit Jan Josef Liefers in der Hauptrolle für das ZDF verfilmt. Wie war das Gefühl, auf der einen Seite seinen Roman verfilmt zu sehen, auf der anderen Seite, seinen Roman aus der Hand zu geben?

Elisabeth Herrmann: Es ist das absolute Wow!-Gefühl. Und da ich auch das Drehbuch schreiben durfte, blieb der Prozess ja weitgehend in meiner Hand. Manches Streichen hat ein bisschen wehgetan. Aber ein Film hat halt nur 90 Minuten ...

kultur-base.de: Wissen Sie noch welches Ihr allererstes Buch war, welches Sie gelesen haben?

Elisabeth Herrmann: „Von Menschen und Mäusen“.

kultur-base.de: Gibt es „literarische Vorbilder“ für Sie?

Elisabeth Herrmann: Mittlerweile nicht mehr. Man muss sogar höllisch aufpassen! Wenn ich schreibe, lese ich kein anderes Buch. Ich bin ein echter Staubsauger: Ich ziehe alles an Stilistik in mich hinein, und dann kann es passieren, dass meine Art zu Schreiben sich ändert. Deshalb: Finger weg von den Romanen anderer Leute, solange man selber einen erfindet :)) - Ich liebe John Le Carré, Anne Chaplet, Jo Nesboe, Elizabeth George, Agatha Christie. Meine Vorbilder, wenn überhaupt: Loewrys „Unter dem Vulkan“ und Leberts „Wolfshaut“.

kultur-base.de: Lesen Sie privat? Wenn ja,  was? Haben Sie einen Lieblingsautoren/ Autorin? Und welches Buch liegt zur Zeit auf Ihrem Nachttisch?

Elisabeth Herrmann: Z.Zt.: „Atlas der abgelegenen Inseln“ von Judith Schalansky.

kultur-base.de: Werden Sie dieses Jahr wieder auf Lesereise gehen? Wenn ja werden Sie auch ins Ruhrgebiet kommen?

Elisabeth Herrmann: Da war ich schon! Recklinghausen, Wuppertal, Köln, Leverkusen. Erstmal also nicht, aber weitere Lockrufe erhöre ich gerne ....

kultur-base.de: Zu guter Letzt, bitte beschreiben Sie sich selbst mit nur 3 Wörtern.

Elisabeth Herrmann: Chaos, Liebe, Leben.

kultur-base.de: Vielen Dank für das Interview.

 

Das Interview mit Elisabeth Herrmann führte Daniel Raifura.

 

 

Mehr Infos und eine Rezension zu „Zeugin der Toten“ dem neuen Roman von Elisabeth Herrmann finden Sie hier.

 

Elisabeth Herrmann
Zeugin der Toten


ISBN: 978-3471350379
19,99 €

Erschienen im List Verlag

Bild: © Felix Brüggemann

 

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