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| Tanja Bidlo im Interview mit kultur-base.de |
| Geschrieben von: Daniel Raifura |
| Sonntag, den 06. Februar 2011 um 06:45 Uhr |
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kultur-base.de: Ist Lyrik in Ihren Augen zeitaktuell?
Tanja Bidlo: Sagen wir, ich glaube, dass Lyrik immer aktuell sein sollte! Es ist die Verdichtung von Gedanken, Ideen oder Gefühlen. Nirgendwo kann man besser Emotionen nachvollziehen, als in einem Gedicht! Aus diesem Grund darf meines Erachtens Lyrik niemals aussterben und ich glaube, dass sie jedem Menschen etwas geben kann und sei es einen guten Gedanken in den Tag. Natürlich muss ich realistisch bleiben und es ist klar, dass die Lyrik es gegenwärtig schwer hat, was ich natürlich sehr bedaure.
kultur-base.de: Warum glauben Sie, hat Lyrik gegenwärtig einen so schweren Stand?
Tanja Bidlo: Ich denke das dies mit der eigenen Schulsozialisation zusammenhängt, in der Gedichte auswendig gelernt werden mussten, aber auch an unserer schnelllebigen Postmoderne, in der es um leichte Kost und schnelle Berieselung nach einem schwierigen Arbeitsalltag geht. Sich die Zeit für ein Gedicht zu nehmen, es zu lesen oder zu verfassen, scheint für viele Menschen aus einer anderen Zeit zu sein.
kultur-base.de: In Ihrem Lyrikband- Nackt- haben Sie auf eindrucksvolle Art und Weise Lyrik mit Aktfotografie verbunden- wie sind Sie auf dieses spannende Projekt gekommen?
Tanja Bidlo: Diese Idee trage ich tatsächlich schon so lange mit mir herum. In Nackt wird das Innen und Außen einer Person, ihre Ängste, Enttäuschungen, Trauer, aber auch die Hoffnung, Freude und Liebe durch Lyrik ausgedrückt. Nackt sein, bedeutet sich zu offenbaren, das Innen, wie das Außen. Aus diesem Grund schien es mir schlüssig diesen Weg zu Ende zu gehen und auch die äußere Gestalt zu zeigen und den Gedichten dadurch eine optische Entsprechung zu geben.
kultur-base.de: Haben Sie mit dem Schreiben von Gedichten Erlebnisse aus Ihrem Leben verarbeitet?
Tanja Bidlo: Ja, das muss ich so sagen. Durch das Schreiben habe ich versucht viele Erlebnisse besser zu verstehen, auch mich!, um so leichter damit umgehen zu können. Schreiben ist eine ungeheuer guttuende Art seinem inneren Schmerz, aber auch anderen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Ich glaube aber, dass jedes Schreiben immer etwas mit dem eigenen Erleben zu tun hat. Erlebtes, Gefühle, eigene Ideen und Visionen sind Ursprung jedes schriftstellerischen Werkes.
kultur-base.de: Wie viel Überwindung mussten Sie für dieses Buch aufbringen?
Tanja Bidlo: Oh, das war nicht einfach. Zum einen habe ich vorher noch nie Aktfotos gemacht und dann gleich diese zu veröffentlichen, das war schon ein gewagtes Projekt. Aber ehrlich gesagt, musste ich mich doch sehr viel mehr überwinden die Gedichte selbst zu veröffentlichen und damit mein Inneres preiszugeben.
kultur-base.de: Wie kam das Fotoshooting zustande?
Tanja Bidlo: Der Fotokünstler Dirk Kluitmann, der die Fotos und das Layout entworfen hat, wurde mir von Freunden empfohlen, da er auch bereits sehr erfolgreiche Ausstellungen in seiner Heimatstadt Ratingen gemacht hatte. Die Chemie stimmte und so konnten wir mit den Fotoshootings beginnen. Auch dies hat mir natürlich viel Mut abverlangt, aber es hat sich gelohnt.
kultur-base.de: Sie geben auch Lesungen zu diesem Buch- aber keine „klassische“ Lesung- sondern Sie inszenieren diese für die Zuschauer- wieso diese Form?
Tanja Bidlo: Ich glaube, dass die Zuschauer in einer szenischen Lesung vielmehr die Beweggründe des Buches nachvollziehen können und nicht Gedicht für Gedicht isoliert hören. Mir ist es wichtig die Gedichte in einen Zusammenhang zu bringen und mit ihnen eine Geschichte zu erzählen. Auch die Bilder als Bühnenbild zu zeigen und eine Symbiose von Wort und Bild zu erreichen, liegt mir sehr am Herzen.
kultur-base.de: Die kultur-base.de konnte sich eine Ihrer erfolgreichen Lesungen ansehen- spannend war, dass die Zuschauer, gebannt und gefesselt waren- haben Sie mit diesem Ergebnis gerechnet?
Tanja Bidlo: Man hätte eine Stecknadel fallen hören. Ja, ich hatte mir natürlich eine solche Reaktion gewünscht. Umso glücklicher war ich dann, als ich sah, wieviele Menschen berührt waren, denn auch wenn das meine Geschichte ist, die Themen der Gedichte und die zugrunde liegenden Gefühle kennen die meisten von sich und sie finden sich hier wieder.
kultur-base.de: Ihr Buch vermittelt den Eindruck, dass der Leser einen Einblick in Ihre Seele bekommt- stimmt der Eindruck- oder ist es eine Täuschung?
Tanja Bidlo: Es handelt sich bei diesem Buch tatsächlich um die lyrische Aufdeckung der Seele. Die Gedichte sind Teil meinerselbst. Das war für mich auch das Mutigste an dem Buch, meine Seele zu zeigen. Nackt ist ein radikal authentisches Werk. Dirk Kluitmann, mit dem ich zusammen das Buch herausgegeben habe, hat meine Lyrik dann hervorragend und atmosphärisch stimmig in Bilder verwandelt.
kultur-base.de: Die Fotos in „Nackt“ besitzen eine enorme Intensität- wie schwierig war das Fotoshooting dazu?
Tanja Bidlo: Da die Fotos in Industriebrachen und Außengeländen gemacht wurden, war das Shooting schon etwas abenteuerlich. Es hat lange gedauert bis wir geeignete Plätze gefunden haben. Dirk hat mir durch seine professionelle Arbeit aber immer viel Sicherheit gegeben. Und seine Geduld mit mir ist auch hervorzuheben! Ich bin ihm sehr dankbar, denn er hat es verstanden mit seinen Bildern nicht die Gedichte zu überlagern, sondern ihnen eine besonders schöne optische Form zu geben.
kultur-base.de: Sind die Fotos zu den Gedichten entstanden- oder umgekehrt?
Tanja Bidlo: Zunächst gab es die Gedichte. Ich schreibe schon einige Jahre und die veröffentlichten Gedichte sind nur ein Teil dessen, was ich in den letzten Jahren verfasst habe. Dann galt es einen guten Photographen zu finden, den ich in Dirk dann auch gefunden habe. Er hat das Layout dann sehr stimmig entworfen.
kultur-base.de: Neben diesem gewagten Projekt sind Sie auch Autorin des Buches- Einführung in die Theaterpädagogik- dieses Buch gehört zu den Standardwerken in diesem Bereich- wie passt „Nackt“ und die Theaterpädagogik zusammen?
Tanja Bidlo: Man könnte sagen, ich schreibe, was ich bin! Ich arbeite unter anderem als freie Theaterpädagogin und dem Theater gehört meine große Leidenschaft! Die Einführung in die Theaterpädagogik habe ich 2006 herausgegeben und sie war aus dem Wunsch und Antrieb heraus entstanden eine Übersicht und Hintergründe aus diesem spannenden Fachbereich zu erarbeiten. Auch dieses Buch ist mit großer Leidenschaft verfasst worden.
kultur-base.de: Aber neben Ihrer Schriftstellerei sind Sie auch noch erfolgreiche Theaterregisseurin- u.a. Ihre Inszenierung des Stückes „Zyanid um fünf“ wurde von der Presse durchweg gefeiert- gibt es neue Theaterpläne?
Tanja Bidlo: Ja, ich arbeite gerade in Essen am Theater EXTRA an dem Stück Geiz ist geil, frei nach Molière. Dem Stück liegt die barocke Komödie Der Geizige von Molière zugrunde. Allerdings habe ich das Stück ein wenig umgeschrieben und in die Gegenwart transferiert. Im März werden wir Premiere feiern und wir freuen uns sehr darauf!
kultur-base.de: Wie sieht Ihre schriftstellerische Zukunft aus? Können Sie uns einen kleinen Ausblick geben- womit Sie uns in Zukunft überraschen werden?
Tanja Bidlo: Momentan bin ich im Theater sehr eingespannt, allerdings arbeite ich bereits an einem Jugendroman, der natürlich das Thema Theater behandelt. Es geht um eine Fantasygeschichte, die in einem Theater spielt, um einen Fluch, um Zusammenhalt, Gemeinschaft- und natürlich um Liebe!
kultur-base.de: Und zu guter letzt: Bitte beschreiben Sie sich mit nur 3 Wörtern selbst.
Tanja Bidlo: Ich denke, ich bin fleißig, hilfsbereit und extrem sensibel (lacht): okay, extrem ist ein Wort zuviel!
kultur-base.de: Vielen Dank für das Interview.
ISBN: 978-3939556152 Quelle/ Verlag: Oldib Verlag Link: www.oldib-verlag.de |


Tanja Bidlo ist Autorin, Theaterregisseurin und noch viel mehr. kultur-base.de hatte die Gelegenheit mit ihr über ihre Arbeit und ihr neues Werk „Nackt“ zu sprechen- ein Buch, welches einmalig ist- eine gewagte, aber gelungene Mischung aus Akt und Lyrik.



